Der europäische Fußballverband UEFA hat in Nyon eine umfassende Modernisierung des Schiedsrichterwesens für die Champions-League-Saison 2026/27 angekündigt. In Kooperation mit dem Technologieanbieter Hawk-Eye und Microsoft Azure wurde ein neues KI-gestütztes Assistenzsystem vorgestellt, das strittige Spielszenen in Echtzeit analysieren soll. UEFA-Präsident Aleksander Čeferin und Hawk-Eye-CEO Steve Collin präsentierten die Details der Infrastruktur, die künftig in allen Stadien der europäischen Königsklasse zum Einsatz kommen wird.
Das technische Fundament der Plattform bilden zwölf optische Highspeed-Kameras, die fest in jedem Stadion installiert werden. Diese Kameras erfassen die Bewegungen der Spielerskelette sowie die exakte Flugbahn des Spielballs mit einer Frequenz von 500 Bildern pro Sekunde. Nach Angaben der Projektpartner fließen auf dieser Grundlage pro Begegnung rund 14 Millionen einzelne Datenpunkte in die Analyse ein, um ein lückenloses räumliches Abbild des Spielgeschehens zu generieren.
Ein multimodales KI-Modell verarbeitet diese Datenströme, um räumliche Konstellationen im Zentimeterbereich aufzulösen. Das System berechnet virtuelle Abseitslinien mit einer Genauigkeit von bis zu zwei Zentimetern und bestimmt den genauen Kontaktpunkt bei potenziellen Handspielen mit Millisekunden-Präzision. Ziel ist es, dem Schiedsrichterteam auf dem Platz und im Kontrollraum eine unverzügliche Entscheidungsgrundlage ohne manuelle Linienziehung bereitzustellen.
Der auffälligste funktionale Gewinn betrifft die Dauer der Überprüfungen durch den Video Assistant Referee (VAR). Während komplexe Abseits- und Berührungsentscheidungen bisher durchschnittlich 72 Sekunden in Anspruch nahmen, soll die Auswertung durch das neue System künftig unter vier Sekunden abgeschlossen sein. Damit reagieren die Verbände auf anhaltende Kritik von Vereinen und Zuschauern an langen Spielunterbrechungen bei strittigen Treffern.
Die Beschleunigung autonomer Schiedsrichtertechnologien spiegelt sich zeitgleich auch auf anderen Kontinenten wider. So gab der Brasilianische Fußballverband (CBF) am 10. September 2026 bekannt, das Nationalstadion Mané Garrincha in Brasília mit kamerabasierter halbautomatischer Abseitstechnik (SAOT) auszurüsten. Nach ersten Einsätzen im Viertelfinale der heimischen Série A wird das System dort im Dezember für das Endspiel der Copa do Brasil zum Einsatz kommen und künftig auch für neutrale Spitzenbegegnungen zertifiziert.
Die Entwicklungen in Europa und Südamerika markieren einen deutlichen Übergang von rein menschlicher Videoüberprüfung hin zu softwaregestützter automatischer Datenauswertung im Profisport. Durch die feste Verankerung von Cloud-Infrastrukturen wie Microsoft Azure im Ligabetrieb etablieren die Spitzenverbände automatisierte Messverfahren als dauerhaften Standard im Schiedsrichterwesen.

