Der Einsatz künstlicher Intelligenz wird in der wirtschaftspolitischen Debatte häufig als Allheilmittel gegen die Folgen einer alternden Gesellschaft dargestellt. Prof. Enzo Weber, Forschungsbereichsleiter am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), dämpft diese Erwartungen nun deutlich. Nach Einschätzung des Arbeitsmarktexperten lässt sich der demografisch bedingte Personalmangel in Deutschland keineswegs einfach wegdigitalisieren. Zwar steigere die Technologie nachweislich die betriebliche Produktivität und optimiere bestehende Abläufe, sie entbinde Unternehmen jedoch nicht von aktiver Qualifizierung und vorausschauender Personalpolitik.
Die Daten der IAB-Betriebsbefragung verdeutlichen die Schieflage bei der aktuellen Stellenbesetzung. Auf eine durchschnittliche Stellenausschreibung gehen in deutschen Betrieben derzeit rund 16 Bewerbungen ein. Davon erweisen sich im Schnitt jedoch lediglich 4 Zuschriften, also etwa 28 Prozent, als fachlich tatsächlich geeignet. Der wachsende Einsatz generativer Textwerkzeuge verschärft dieses Problem nach Erkenntnissen des IAB eher, da Bewerber standardisierte Unterlagen mühelos in großer Zahl erzeugen. Anstatt die Passgenauigkeit zu verbessern, sorgt die Technologie auf der Arbeitgeberseite vor allem für eine unübersichtliche Flut ungeeigneter Bewerbungen.
Dass künstliche Intelligenz dennoch handfeste wirtschaftliche Vorteile stiften kann, zeigt eine Analyse von KfW Research in der Reihe Fokus Volkswirtschaft. Die Ökonomen stellen fest, dass der Einsatz von Algorithmen im Mittelstand dann zu messbaren Wettbewerbs- und Produktivitätsvorteilen führt, wenn er strategisch in den betrieblichen Kernprozessen verankert ist. Betriebe, die entsprechende Systeme tief in ihre Abläufe integrieren, weisen im Vergleich zu zurückhaltenden Konkurrenten eine signifikant höhere Resilienz und Wertschöpfung auf. Reine Punktlösungen, wie die isolierte Nutzung von Werkzeugen zur Textgenerierung, reichen für nachhaltige Zuwächse hingegen nicht aus.
Trotz dieser empirisch belegten Potenziale zögert ein Großteil der mittelständischen Wirtschaft bei der tiefergehenden Umsetzung. Laut KfW Research verharren derzeit rund 87 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen auf einer rein experimentellen Einstiegsstufe. Infolgedessen greift in der Gesamtwirtschaft das Phänomen einer Produktivitäts-J-Kurve. Investitionen in neue Softwarelösungen erfordern zunächst Umstrukturierungen und binden personelle Kapazitäten, wodurch makroökonomische Effizienzgewinne erst mit einer spürbaren zeitlichen Verzögerung eintreten.
Einen wesentlichen Grund für diese Verzögerung identifiziert eine Erhebung des Stifterverbandes und der Haufe Akademie unter 1.000 deutschen Führungskräften. Der größte Engpass beim Übergang in die breite betriebliche Anwendung besteht demnach nicht in mangelndem mathematischen Modellwissen oder fehlenden Lizenzen. Vielmehr klagen die befragten Unternehmen über ein akutes Defizit an Schnittstellenkompetenz. Gesucht werden Fachkräfte, die technologische Möglichkeiten verstehen und dieses Wissen direkt mit bereichsspezifischem Domänenwissen sowie praktischem Veränderungsmanagement verknüpfen können.
Das Fehlen dieser Übersetzer zwischen den Fachabteilungen und den technischen Systemen bremst die Skalierung von Anwendungsfällen im Mittelstand stärker als fehlende Softwareanschaffungen. Wenn betriebswirtschaftliche Problemstellungen nicht präzise in funktionale Anforderungen übersetzt werden, bleiben Pilotprojekte oft isolierte Einzelversuche ohne Breitenwirkung. Nach Auffassung von Experten entscheidet deshalb künftig nicht primär der Zukauf externer Werkzeuge über den Produkterfolg, sondern die gezielte Weiterbildung des bestehenden Personals. Nur wenn Branchenkenner aktiv an der Einführung mitwirken, können Unternehmen die erhofften Produktivitätssprünge in der Praxis realisieren.

