Seit dem Durchbruch generativer Sprachmodelle beherrscht die Furcht vor plötzlichen Massenentlassungen die wirtschaftspolitische Debatte. Eine empirische Untersuchung von Apollo Global Management unter Leitung von Chefökonom Torsten Slok und Sania Edlich zeichnet nun ein differenzierteres Bild der tatsächlichen Marktrealität. Statt eines abrupten Arbeitsplatzabbaus erleben exponierte Berufsgruppen gegenwärtig vor allem eine spürbare Verlangsamung ihrer Gehaltsentwicklung.
Für die Untersuchung analysierte das Forschungsteam insgesamt 321 standardisierte Berufsbilder in den Vereinigten Staaten. Anstelle rein hypothetischer Substitutionsannahmen griffen die Autoren auf reale Telemetriedaten des Anthropic Economic Index zurück, die auf tatsächlichen Nutzerinteraktionen mit dem KI-Modell Claude basieren. Dieser Ansatz ermöglichte es den Ökonomen, die tatsächliche Durchdringung der Technologie am Arbeitsplatz präzise zu messen und mit offiziellen Lohndaten abzugleichen.
Die Ergebnisse widerlegen die These kurzfristiger Beschäftigungseinbrüche in stark exponierten Tätigkeitsfeldern, belegen aber eine signifikante Einkommensbremse. In Berufen mit intensiver KI-Nutzung wuchs der Reallohn seit dem Jahr 2023 um 6,7 Prozentpunkte langsamer als in Tätigkeiten mit geringer technologischer Exposition. Die Arbeitsnachfrage bleibt zwar stabil, doch die Preissetzungsmacht der Arbeitnehmer bei Gehaltsverhandlungen nimmt durch den Einsatz automatisierter Assistenzsysteme messbar ab.
Besonders stark trifft diese Verlangsamung Beschäftigte im unteren Lohnsegment sowie im Dienstleistungsbereich. Im untersten Einkommensquartil fiel das Reallohnwachstum um 10,7 Prozentpunkte schwächer aus als in Vergleichsgruppen. In dienstleistungsorientierten Berufen summierte sich der Rückstand beim Gehaltswachstum sogar auf 24,3 Prozentpunkte. Aber auch Fach- und Führungskräfte blieben nicht verschont: Bei Managementfunktionen lag die gemessene Wachstumsdämpfung bei 4,1 Prozentpunkten.
Auf volkswirtschaftlicher Ebene beziffert die Studie das Ausmaß der Lohnkompression auf erhebliche Summen. Derzeit sind in den USA rund 5,8 Millionen Erwerbstätige unmittelbar von dieser Wachstumsverlangsamung betroffen. Kumuliert entspricht dieser Effekt einem entgangenen Einkommenszuwachs von etwa 28 Milliarden US-Dollar, der nicht an die Beschäftigten ausgezahlt wurde.
Die empirischen Befunde decken sich mit dem Muster, dass generative KI primär Aufgaben innerhalb bestehender Rollen übernimmt, statt ganze Stellenprofile komplett auszulöschen. Während körperliche Präsenzarbeit und handwerkliche Tätigkeiten bisher unberührt bleiben, geraten wissensbasierte Bildschirmarbeitsplätze zunehmend unter Anpassungsdruck. Die Debatte um den Arbeitsmarktwandel muss sich daher weniger auf reine Arbeitslosenstatistiken und stärker auf Verteilungsfragen sowie reale Einkommenseffekte konzentrieren.

