Eine aktuelle Untersuchung des ifo Instituts im Auftrag der IHK für München und Oberbayern zeichnet ein ernüchterndes Bild über die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft im Zeitalter künstlicher Intelligenz. Das Team unter Leitung von Professor Oliver Falck warnt eindringlich davor, dass gravierende infrastrukturelle und regulatorische Hürden den erfolgreichen Rollout moderner Algorithmen ausbremsen. Mangelnder Datenzugang sowie eine schleppende Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung könnten demnach das prognostizierte Wirtschaftswachstum empfindlich beschneiden.
Konkret beziffern die Ökonomen den potenziellen wirtschaftlichen Schaden auf bis zu 155 Milliarden Euro des jährlichen Bruttoinlandsprodukt-Wachstums durch generative KI. Eigentlich wird dieser Technologie bis zum Jahr 2034 ein jährlicher Wertschöpfungsbeitrag von insgesamt 440 Milliarden Euro zugeschrieben. Bleiben strukturelle Reformen aus, droht Deutschland jedoch mehr als ein Drittel dieser Hebelwirkung zu verspielen.
Als eine der zentralen Ursachen identifiziert die Analyse das Fundament der heimischen Digitalbranche. Der deutsche Sektor für Informations- und Kommunikationstechnologie steuert lediglich 4,6 Prozent zur gesamten Bruttowertschöpfung bei und verharrt damit im unteren europäischen Mittelfeld. Zudem besteht eine ausgeprägte Abhängigkeit von internationalen Dienstleistern: Im Jahr 2025 wurden für 11 Milliarden US-Dollar mehr IT-Leistungen importiert als exportiert. Deutschland weist damit das größte Handelsbilanzdefizit bei IT-Dienstleistungen innerhalb der Europäischen Union auf.
Diese Befunde decken sich mit parallelen Erhebungen zur tatsächlichen Praxis in den Betrieben. Zwar gaben laut einer aktuellen Bitkom-Umfrage unter 603 Firmen inzwischen 57 Prozent der Unternehmen ab 20 Beschäftigten an, KI im Tagesgeschäft zu nutzen, doch die reale Ausschöpfung bleibt minimal. Satte 59 Prozent der Anwenderfirmen räumen ein, das Potenzial noch überhaupt nicht voll zu nutzen, während lediglich drei Prozent von einer starken Ausschöpfung berichten. Trotz des Wunsches von 96 Prozent der Unternehmen, bevorzugt europäische Modelle einzusetzen, fehlt es an leistungsfähigen Alternativen zu US-Anbietern.
Erschwerend kommt hinzu, dass viele Organisationen vor internen Blockaden stehen. Laut Daten von Mastercard scheitern 69 Prozent der Unternehmen in Deutschland und Europa daran, KI gewinnbringend in gewachsene Legacy-Systeme einzubinden. Selbst im Finanzsektor, wo 88 Prozent der Institute ihre Ausgaben für künstliche Intelligenz angehoben haben, benennen 83 Prozent starre Freigabeprozesse und Governance-Regeln als eigentliche Hürde. Ohne einen gezielten Abbau bürokratischer Hürden und moderne Datenarchitekturen droht der erhoffte Produktivitätsschub somit an den Realitäten des Standorts zu scheitern.

