Die verbreitete Befürchtung, dass generative künstliche Intelligenz zu einer abrupten Entlassungswelle auf dem deutschen Arbeitsmarkt führen würde, bestätigt sich nach neuen Arbeitsmarktdaten bislang nicht. Eine Untersuchung des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigt, dass Berufsfelder mit hohem Substitutionspotenzial durch KI zwischen 2022 und 2025 ein überdurchschnittliches Beschäftigungswachstum verzeichneten. Anstelle eines flächendeckenden Stellenabbaus ging die zunehmende Verbreitung von Algorithmen in qualifizierten Berufen mit einem anhaltenden Personalaufbau einher.
Besonders deutlich fällt dieser Trend in der Altersgruppe der 30- bis 64-jährigen Beschäftigten aus. In diesem Segment lag das Beschäftigungswachstum in stark von KI tangierten Tätigkeitsfeldern um fünf bis sechs Prozentpunkte höher als in Berufen mit geringer Exposition. Die Forscher des IAB folgern daraus, dass der gegenwärtige Druck auf den deutschen Arbeitsmarkt primär von der schwachen gesamtwirtschaftlichen Konjunktur und strukturellen Problemen der Industrie herrührt, nicht von einer technologiegetriebenen Kündigungswelle. Für jüngere Erwerbstätige im Alter von 20 bis 29 Jahren gilt diese Entwarnung allerdings nur unter Vorbehalt, da deren Einstiegspfade stellenweise volatiler ausfallen.
Ergänzende Befunde der HDI Berufe-Studie 2026 bestätigen, dass KI-Werkzeuge zunehmend im Arbeitsalltag ankommen und spürbare Entlastung schaffen. Laut der Erhebung geben inzwischen 26 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland an, durch den Einsatz von KI-Lösungen von Routinetätigkeiten entlastet zu werden, nach 21 Prozent im vorhergehenden Erhebungszeitraum. Gleichzeitig stellen 24 Prozent der Befragten eine verbesserte Qualität ihrer Arbeitsergebnisse fest, während 23 Prozent von einer gesteigerten persönlichen Arbeitsproduktivität berichten, wobei diese Zuwächse in Medien- und Marketingberufen besonders ausgeprägt sind.
Trotz dieser Zuwächse offenbart die Befragung eine deutliche Kluft bei der Nutzung und den Vorteilen moderner Software. Beschäftigte mit akademischem Abschluss berichten mit 37 Prozent mehr als doppelt so häufig von Routine-Entlastungen wie Absolventen einer betrieblichen Ausbildung, bei denen der Wert lediglich bei 16 Prozent liegt. Ein ähnlich markanter Unterschied zeigt sich zwischen Beschäftigten im Homeoffice, die zu 37 Prozent von Zeitgewinnen profitieren, und reinen Präsenzarbeitskräften, bei denen dieser Anteil bei nur 18 Prozent verharrt.
Die gesammelten Daten zeichnen das Bild eines Arbeitsmarktes, in dem KI gegenwärtig vor allem als Werkzeug zur Bewältigung bestehender Arbeitslasten fungiert. Unternehmen nutzen Automatisierungshilfen in wissensintensiven Berufsfeldern eher als Puffer gegen den demografischen Fachkräftemangel denn als Instrument zur reinen Personaleinsparung. Die zentrale Herausforderung für Wirtschaft und Tarifpartner besteht nun darin, Qualifizierungsangebote so auszubauen, dass auch Ausbildungsberufe und Nachwuchskräfte an diesen Produktivitätssprüngen teilhaben können.

