In einer gemeinsamen Strategieanalyse haben führende europäische Ökonomen und Wissenschaftler am 14. September 2026 vor einem dramatischen Rückstand des Kontinents im Bereich der künstlichen Intelligenz gewarnt. Die Expertengruppe, zu der die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer, Ifo-Chef Clemens Fuest, die frühere EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager, Sicherheitsexperte Wolfgang Ischinger und der renommierte KI-Pionier Yoshua Bengio gehören, zeichnet ein ernüchterndes Bild der europäischen Position im globalen Technologiewettlauf. Ohne radikales Gegensteuern drohe Europa eine vollständige strategische Abhängigkeit von außereuropäischen Tech-Giganten.
Die vorgelegten Zahlen zur physischen Infrastruktur verdeutlichen das Ungleichgewicht. Auf die Mitgliedstaaten der Europäischen Union entfallen im Jahr 2026 lediglich rund fünf Prozent der weltweiten Rechenzentrumskapazitäten. Zum Vergleich dominieren die Vereinigten Staaten den Markt mit einem Anteil von 78 Prozent, während China elf Prozent der globalen Infrastruktur stellt. Die Verfasser des Berichts halten eine Verdreifachung des europäischen Anteils auf mindestens 15 Prozent bis zum Jahr 2030 für zwingend erforderlich, um ein Mindestmaß an digitaler Handlungsfähigkeit zu sichern.
Um dieses Ausbauziel zu erreichen, beziffert das Autorenteam den notwendigen Finanzbedarf auf eine Summe von 1,3 Billionen Euro bis 2030. Dieses Kapital müsse nicht nur in spezialisierte Serverfarmen und Hardware fließen, sondern vor allem in die zugrundeliegende Energieinfrastruktur. Die Experten schätzen, dass Europa eine zusätzliche Rechenzentrumsleistung von 45 Gigawatt benötigt. Da moderne KI-Modelle immense Energiemengen verlangen, stellt der gleichzeitige Ausbau von Stromnetzen und sauberer Energieerzeugung eine zentrale Hürde dar.
Auch auf der Ebene der Software und Modellentwicklung ist die Kluft alarmierend weit geöffnet. Wie Clemens Fuest im Rahmen der Analyse darlegt, erwirtschaften alle europäischen Entwickler von Basis- und Spezialmodellen zusammengenommen derzeit weniger als zwei Prozent des Umsatzes, den lediglich zwei der führenden US-Konzerne verbuchen. Diese Diskrepanz hemmt nicht nur heimische Innovationen, sondern entzieht europäischen Anbietern auch die finanziellen Mittel, um bei künftigen Modellgenerationen aus eigener Kraft mitzuhalten.
Die Gruppe um Vestager und Ischinger betont daher die sicherheitspolitische und wirtschaftliche Dringlichkeit einer gemeinsamen Kraftanstrengung. Wenn europäische Unternehmen und Behörden bei kritischen Workflows vollständig auf fremde Infrastrukturen angewiesen bleiben, geraten technologische Souveränität und Datenschutzgarantien unter massiven Druck. Die Autoren fordern von den EU-Institutionen und Mitgliedstaaten koordinierte Investitionsprogramme sowie den Abbau bürokratischer Hürden beim Bau neuer Rechenzentren.

