Beim zweitägigen Invest in Germany Summit in Berlin haben Bundeskanzler Friedrich Merz und Nvidia-Chef Jensen Huang ein neues Kapitel der industriellen Digitalisierung aufgeschlagen. Die Bundesregierung unterzeichnete eine offizielle Absichtserklärung mit dem Chiphersteller, um gezielt Basismodelle für die industrielle Fertigung zu entwickeln und zu skalieren. Ziel der Allianz ist es, bestehende Pilotprojekte im verarbeitenden Gewerbe zügig in den Regelbetrieb der Fabrikautomation zu überführen.
Bundesforschungsministerin Dorothee Bär und Digitalminister Karsten Wildberger hoben während der Konferenz den strategischen Wert deutscher Industriedaten hervor. Während globale Großmodelle bisher vor allem auf Sprach- und Bilddaten aus dem Internet trainiert wurden, liege Deutschlands komparativer Vorteil in den proprietären Prozess- und Maschinendaten des industriellen Mittelstands. Diese Datenschätze sollen nun strukturiert nutzbar gemacht werden, um spezialisierte Modelle für komplexe Fertigungsschritte zu trainieren.
Ein zentrales Nadelöhr für viele mittelständische Zulieferer war bislang der Zugang zu passgenauen Rechenkapazitäten und technischem Know-how. Durch die Partnerschaft sollen die für das Modelltraining erforderlichen Compute-Ressourcen sowie softwareseitige Optimierungen für kleinere Betriebe greifbarer werden. Vertreter aus Politik und Industrie betonten, dass die Skalierung industrieller KI über die künftige Wettbewerbsfähigkeit deutscher Kernbranchen im internationalen Vergleich entscheiden werde.
Flankiert wird die Initiative durch eine Neuaufstellung der staatlichen Förderarchitektur. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie hat die Weichen für die Förderperiode ab 2027 gestellt und die Vergabe der Förderbescheide abgeschlossen. Künftig sollen sechs überregionale und elf branchenspezifische Mittelstand-Digital Zentren als Anlaufstellen dienen. Staatssekretär Johannes Steiniger warnte in diesem Kontext, dass kleine und mittlere Unternehmen ohne neutrale Implementierungshilfen bei generativer und agentischer KI Gefahr liefen, den Anschluss an globale Lieferketten zu verlieren.
Dass sich der praktische Einsatz im Mittelstand bereits wandelt, zeigte zeitgleich die 7. Jahreskonferenz KI für den Mittelstand der IHK für München und Oberbayern. Verbands- und Branchenvertreter berichteten, dass reine Text-Chatbots zunehmend durch spezialisierte Workflow- und Shopfloor-Agenten abgelöst werden. Diese Systeme können technische Konstruktionszeichnungen interpretieren, Echtzeitdaten aus Produktionsanlagen korrelieren und vertragliche Dokumente automatisiert prüfen.
Entgegen verbreiteten Sorgen vor einem breiten Stellenabbau zeichnet sich in ersten Auswertungen mittelständischer Fertiger ein anderes Bild ab. Die Produktivitätsgewinne entstehen überwiegend dadurch, dass technisches Spezialwissen und historische Archivdaten trotz des akuten Fachkräftemangels im Unternehmen erhalten und für jüngere Mitarbeiter abrufbar bleiben. Die Kombination aus politischer Infrastrukturförderung und praxisnahen Agentensystemen soll diesen Wissenstransfer in den Werkshallen dauerhaft sichern.

