Der breite Einsatz generativer Sprachmodelle verändert den Arbeitsalltag in wissensintensiven Berufsfeldern grundlegend, schlägt sich bislang jedoch nicht auf den Gehaltsabrechnungen nieder. Zu diesem Ergebnis kommt eine am 6. Oktober 2026 veröffentlichte Untersuchung der Brookings Institution in Kooperation mit Anders Humlum von der University of Chicago und Emilie Vestergaard von der Universität Kopenhagen. Das Forschungsteam verknüpfte detaillierte Befragungsdaten von rund 25.000 dänischen Beschäftigten aus elf stark KI-exponierten Berufsfeldern, darunter Softwareentwicklung, Marketing und Rechtsberatung, mit monatlichen amtlichen Registerdaten zu Einkommen und Arbeitszeiten.
Die Auswertung der Behördendaten zeigt einen bemerkenswerten Null-Effekt auf Einkommen und Arbeitszeit. Trotz der weit verbreiteten individuellen Wahrnehmung hoher Zeitersparnisse durch die Technologie konnten die Ökonomen weder einen messbaren Anstieg der Reallöhne noch eine systematische Verkürzung der vertraglichen Arbeitszeit nachweisen. Statistische Effekte von mehr als zwei Prozent wurden durch die Analyse der Registerdaten explizit ausgeschlossen. Die Produktivitätsgewinne verbleiben damit vorerst vor allem auf Prozessebene oder bei den Unternehmen selbst, anstatt direkt an die Belegschaft weitergegeben zu werden.
Gleichzeitig unterstreicht die Erhebung, wie stark institutionelle Rahmenbedingungen die Verbreitung von KI-Systemen beschleunigen. Zwar gaben 41 Prozent der Befragten an, KI-Werkzeuge auch ohne jegliche Initiative des Arbeitgebers auf eigene Faust einzusetzen. Stellen Unternehmen jedoch aktiv offizielle Enterprise-Lizenzen und Weiterbildungsangebote bereit, steigt die Nutzungsquote in den Belegschaften sprunghaft auf 93 Prozent an. In diesem organisierten Umfeld gaben 28 Prozent der Mitarbeitenden an, generative Tools täglich zu verwenden, während 19 Prozent eine Zeitersparnis von mehr als einer Stunde pro Tag bezifferten.
Auf dem Arbeitsmarkt zeichnet sich dennoch eine spürbare Polarisierung ab. Beschäftigte mit intensiver KI-Nutzung weisen eine höhere Mobilität auf und wechseln signifikant häufiger in besser bezahlte Positionen, in denen der Umgang mit den neuen Werkzeugen explizit gefragt ist. Dies deutet darauf hin, dass individuelle Vorteile vor allem durch Stellenwechsel und neue Rollenprofile realisiert werden, nicht durch Gehaltsanpassungen innerhalb bestehender Verträge.
Gleichzeitig identifiziert die Studie eine strukturelle Hürde für Nachwuchskräfte. In den untersuchten stark exponierten Berufsfeldern verzeichneten die Forscher einen messbaren Rückgang bei offenen Stellen für Berufseinsteiger. Weil generative KI vor allem repetitive Recherche-, Text- und Programmieraufgaben übernimmt, die traditionell Berufsanfängern zugewiesen wurden, geraten klassische Karrierepfade und Einstiegspositionen zunehmend unter Druck.

