Die Aufsichtsbehörden im US-Bankensektor haben einen grundlegenden Wechsel bei der Überwachung von Risikomodellen eingeleitet und das 15 Jahre lang verbindliche Regelwerk SR 11-7 durch den neuen Standard SR 26-2 abgelöst. Im Zentrum der Neuregelung steht jedoch eine bemerkenswerte Lücke: Generative und autonome KI-Systeme wurden vorerst ausdrücklich vom Anwendungsbereich ausgenommen. Als Begründung führen die Regulierer die extrem dynamische technologische Entwicklung an, die starren Rahmenvorgaben derzeit vorauslaufe.
Für Finanzinstitute bringt diese Ausnahmeregelung erhebliche operative Unsicherheiten mit sich. Banken integrieren zunehmend externe KI-Agenten und kommerzielle Softwarelösungen von Drittanbietern in ihre Kerngeschäftsprozesse. Da diese neuen Werkzeuge formell nicht vollständig durch das klassische Modellrisikomanagement abgedeckt werden, agieren Institute in einer Übergangszone. Zugleich bleibt die rechtliche Letztverantwortung für alle automatisierten Modellentscheidungen und potenziellen Fehlfunktionen uneingeschränkt bei den Banken.
Parallel dazu verschärfen die Aufsichtsbehörden auf der anderen Seite des Atlantiks ihre Kontrollen deutlich. Die Europäische Zentralbank hat den Instituten im Euroraum eine verbindliche Frist bis zum 31. Oktober 2026 gesetzt, um detaillierte Aktionspläne gegen neuartige Cyber- und Ausfallrisiken durch Frontier-KI-Modelle vorzulegen. Diese Maßnahme stützt sich auf die Vorgaben der europäischen Aufsichtsbehörden EBA, ESMA und EIOPA im Rahmen des Digital Operational Resilience Act, welcher die Abhängigkeiten von systemrelevanten Drittanbietern und Hyperscalern streng überwacht.
Auch innerhalb der Vereinigten Staaten wächst der Druck auf die Politik, klare bundesweite Leitplanken zu schaffen. Der Branchenverband American Fintech Council forderte in einer formellen Stellungnahme vor dem Finanzausschuss des US-Repräsentantenhauses einen einheitlichen, risikobasierten Regulierungsrahmen für künstliche Intelligenz. Der Verband warnte davor, dass zersplitterte einzelstaatliche Gesetze kleinere Fintech-Unternehmen und Regionalbanken unverhältnismäßig belasten würden.
Der Branchenverband argumentiert, dass regionale Flickenteppiche bei der Regulierung den Wettbewerb verzerren und die Innovationsfähigkeit kleinerer Institute gegenüber kapitalstarken Großbanken schwächen. Während multinationale Banken umfangreiche Compliance-Abteilungen für abweichende Gesetze unterhalten können, droht kleineren Marktteilnehmern durch unklare Vorgaben der Ausschluss von modernen Produktivitätsgewinnen. Die US-Behörden stehen daher vor der Aufgabe, zeitnah spezifische Richtlinien für agentische Systeme nachzureichen.

