Das KI-Musik-Startup Suno muss sich vor Gericht einer umfassenden Beweisaufnahme stellen. Richter F. Dennis Saylor IV am US-Bundesbezirksgericht für den Distrikt Massachusetts wies den Antrag des Unternehmens ab, eine von unabhängigen Musikschaffenden eingereichte Sammelklage abzuweisen. Damit erreicht das Verfahren das formelle Stadium der Discovery, in dem Suno interne Dokumente und Trainingsdaten offenlegen muss.
Im Zentrum der Klage stehen Vorwürfe, dass Suno geschützte Musikaufnahmen ohne Erlaubnis zur Erstellung abgeleiteter Werke genutzt hat. Zudem werfen die Kläger dem Unternehmen vor, technische Schutzmaßnahmen unrechtmäßig umgangen zu haben, insbesondere durch sogenanntes Stream-Ripping von Plattformen wie YouTube. Richter Saylor entschied, dass diese Klagepunkte hinreichend substantiiert sind, um im Hauptverfahren verhandelt zu werden.
Für Suno stellt die Entscheidung einen herben Rückschlag dar, da das Unternehmen seine Aktivitäten bisher primär auf die US-Doktrin des Fair Use stützte. Suno argumentiert, dass das Trainieren neuronaler Netze auf öffentlich zugänglichen Inhalten eine transformative Nutzung darstelle und daher keine Lizenzierung erfordere. Die Kläger halten dagegen, dass die resultierenden Modelle direkte kommerzielle Substitute für menschliche Kompositionen schaffen.
Zusätzlicher Druck entsteht für das Startup durch parallele Rechtsstreitigkeiten mit großen Musiklabels. In diesen Verfahren führen Branchenvertreter an, dass Sunos eigene Lizenzverträge, darunter jüngste Vereinbarungen mit Partnern wie Warner Music und BMG, die Existenz eines funktionierenden Lizenzmarktes für KI-Trainingsdaten belegen. Wenn für Datenlizenzen bereits ein Markt etabliert ist, schwächt dies nach US-Rechtspositionen das Argument des Fair Use maßgeblich.
Der juristische Druck fällt in eine Phase, in der die gesamte Musikindustrie strengere Transparenzregeln für synthetische Medien fordert. Erst kürzlich stellte der Chart-Dienstleister Luminate ein globales Framework zur Identifikation und Messung von KI-generierten Titeln vor, um Abrechnungsgrundlagen für Urheberrechtsgesellschaften zu vereinheitlichen. Sollte Suno im Prozess zur Offenlegung seiner Trainingsbibliotheken gezwungen werden, könnte dies weitreichende Präzedenzfälle für die gesamte Generative-Audio-Branche schaffen.

