Das norwegische PropTech- und ConTech-Startup Solvera hat eine überzeichnete Pre-Seed-Finanzierungsrunde in Höhe von 6,3 Millionen US-Dollar abgeschlossen. Angeführt wurde das Investment von dem europäischen Wagniskapitalgeber Seedcamp. Daneben beteiligten sich Brancheninvestoren wie Obos Ventures und Construct Venture sowie prominente Business Angels, darunter die beiden Spacemaker-Gründer Anders Kvåle und Håvard Haukeland. Das frische Kapital soll die Weiterentwicklung einer Plattform vorantreiben, die den Übergang von herkömmlicher Planungssoftware zu autonom agierenden Ingenieurbüros markiert.
Im Gegensatz zu etablierten Software-Anbietern positioniert sich Solvera nicht als reiner SaaS-Dienstleister. Das Unternehmen tritt am Markt als vollwertiges, offiziell haftendes Ingenieurbüro auf, das in der angelsächsischen Baupraxis als Firm of Record bezeichnet wird. Anstatt Planern lediglich digitale Hilfswerkzeuge bereitzustellen, übernimmt das Startup die Verantwortung für konkrete Planungsergebnisse. Kunden beauftragen somit keine Arbeitsstunden zur manuellen Erstellung von Plänen, sondern erwerben direkt abgenommene Fachplanungsleistungen.
Der technische Schwerpunkt liegt auf der technischen Gebäudeausrüstung, die im Englischen unter dem Begriff MEP für Mechanical, Electrical and Plumbing zusammengefasst wird. Proprietäre KI-Agenten übernehmen dabei die vollständige Dimensionierung von Leitungsnetzen, die automatisierte Trassierung von Rohren und Kanälen sowie die kontinuierliche Kollisionsprüfung im Gebäudemodell. Durch diese Automatisierung lassen sich komplexe Verteilungsstrukturen, die in der klassischen TGA-Fachplanung bisher Wochen in Anspruch nahmen, innerhalb kürzester Zeit fehlerfrei berechnen.
Menschliche Ingenieure werden bei Solvera keineswegs vollständig verdrängt, ihre Rolle verschiebt sich jedoch grundlegend. Fachkräfte greifen nur noch an strategischen Schnittstellen, bei unklaren Grenzwerten oder für die finale behördliche und vertragliche Abnahme ein. Die operative Fleißarbeit des Trassierens und Nachrechnens verbleibt bei den Software-Agenten. Dies entlastet Fachingenieure von repetitiven Zeichnungs- und Kontrollroutinen, wodurch Fachkräftemängel in Planungsbüros abgemildert werden können.
Auch das Abrechnungsmodell bricht mit den Gepflogenheiten der Bauwirtschaft. Statt nach herkömmlichen Zeithonoraren oder offenen Stundensätzen abzurechnen, vergütet die Kundschaft Solvera auf der Basis klar definierter Projektmeilensteine und planungsbezogener Leistungspakete. Investoren werten diesen Schritt als Signal für eine tiefgreifende Transformation im Bausektor, in dem Effizienzgewinne durch Algorithmen nun direkt an die Auftraggeber weitergegeben werden.

