Die Digitalisierungsstudie 2026 des Zentralen Immobilien Ausschusses und EY Real Estate belegt einen tiefgreifenden Prioritätenwechsel in der Immobilienwirtschaft. Künstliche Intelligenz hat sich branchenweit an die Spitze der strategischen Technologieagenden gesetzt und etablierte Infrastrukturthemen hinter sich gelassen. Beeindruckende 96 Prozent der befragten Unternehmen stufen KI-Anwendungen für die kommenden fünf Jahre als unmittelbar einsatzrelevant ein. Damit verweist der Bereich maschinelles Lernen und generative Modelle selbst langjährige Standardthemen wie Cloud-Lösungen mit 94 Prozent und Big Data mit 79 Prozent auf die nachfolgenden Plätze. Die Erhebung verdeutlicht, dass die Branche Algorithmen nicht mehr als theoretische Zukunftsvision, sondern als konkretes Werkzeug für das Tagesgeschäft begreift.
Das ausgeprägte Interesse schlägt sich auch in konkreten Investitionsentscheidungen nieder. Trotz des anhaltend herausfordernden Marktumfelds mit gestiegenen Zinsen und verhaltener Bautätigkeit haben 61 Prozent der befragten Immobilienunternehmen ihre Budgets für Digitalisierungsmaßnahmen aufgestockt. Führungskräfte reagieren damit auf den wachsenden Druck, bestehende Portfolios wirtschaftlicher zu verwalten und operative Prozesse grundlegend zu verschlanken. Der Zuwachs an bereitgestellten Mitteln unterstreicht den Wandel in den Vorstandsetagen. IT-Ausgaben werden in einem spürbar größeren Maße als zwingend notwendige Investition in die Zukunftsfähigkeit des Geschäftsmodells begriffen und nicht mehr primär als reiner Kostenfaktor verbucht.
Bei der praktischen Nutzung dieser neuen Systeme klaffen Anspruch und Wirklichkeit jedoch noch weit auseinander. Zwar ziehen bereits 70 Prozent der befragten Unternehmen spürbare Vorteile aus der Digitalisierung und berichten von konkreten Effizienzgewinnen sowie operativen Einsparungen. Allerdings offenbart die Studie gleichzeitig eine gravierende Resilienzlücke in der Branche. Bislang messen lediglich 10 Prozent der befragten Akteure ihre digitale Widerstandskraft in vollem Umfang. Das Management konzentriert sich vor allem auf schnelle Produktivitätssteigerungen, während der systematische Schutz der digitalisierten Abläufe vor unvorhergesehenen Störungen vernachlässigt wird.
Besonders deutlich tritt diese Verwundbarkeit im Bereich des vorausschauenden Risikomanagements zutage. Nur 14 Prozent der analysierten Unternehmen setzen derzeit auf umfassende, KI-gestützte Frühwarnsysteme. Damit fehlen der überwiegenden Mehrheit der Marktteilnehmer automatisierte Werkzeuge, um Markttrends, Mietausfallrisiken oder technische Mängel in den Beständen frühzeitig zu identifizieren. Viele Firmen agieren weiterhin reaktiv, anstatt die vorhandenen Datenmengen für vorausschauende Analysen nutzbar zu machen. Diese Zurückhaltung schwächt die strategische Positionierung der Unternehmen in einem weiterhin volatilen Immobilienmarkt erheblich.
Der Weg zu einer widerstandsfähigen digitalen Architektur wird durch mehrere gravierende Hürden erschwert. Angeführt wird die Liste der Transformationshemmnisse vom akuten Fachkräftemangel, den 74 Prozent der Unternehmen als zentrale Belastung angeben. Es fehlt an qualifiziertem Personal, das technologische Kompetenz mit immobilienwirtschaftlichem Fachwissen verknüpfen kann. Zudem beklagen 68 Prozent der Befragten die hohen finanziellen Kosten für Einführung und Betrieb moderner Software. Gleichzeitig kämpfen 62 Prozent der Firmen mit einer unzureichenden internen Datenqualität, die das verlässliche Training und den Einsatz anspruchsvoller KI-Modelle massiv behindert.
Erstmals rückten ZIA und EY in ihrer Erhebung auch Defizite bei Cyber- und IT-Kompetenzen als eigenständigen Risikofaktor in den Fokus, über den 45 Prozent der befragten Unternehmen klagen. Die zunehmende Vernetzung von Immobilienbeständen und die Implementierung automatisierter Datenpipelines schaffen neue Angriffsflächen für Schadsoftware und Datendiebstahl. Fehlt den Beschäftigten das grundlegende Sicherheitsbewusstsein, verwandeln sich Effizienzgewinne schnell in unkalkulierbare operationelle Gefahren. Die Verfasser der Studie mahnen daher an, dass der flächendeckende KI-Einsatz zwingend mit Investitionen in Cybersicherheit, Datenhygiene und Mitarbeiterschulungen einhergehen muss, um die Zukunftsfähigkeit des Sektors dauerhaft zu sichern.

