Deutsche Unternehmen geraten laut neuen Erhebungen des Branchenverbands Bitkom und der Friedrich-Naumann-Stiftung in eine wachsende doppelte Abhängigkeit bei künstlicher Intelligenz. Während Vorstandsetagen und Büroangestellte überwiegend auf etablierte US-Anbieter setzen, wandern Softwareentwickler zunehmend zu drastisch günstigeren Open-Weight-Modellen aus China ab. Die vorgelegten Daten verdeutlichen sowohl die geringen Puffer bei Ausfällen digitaler Importe als auch die wirtschaftlichen Hebel, die diesen Technologietransfer antreiben.
Der enorme Preisunterschied bei KI-Modellen erzeugt erheblichen Druck auf die Budgets europäischer IT-Abteilungen. Eine Untersuchung der Friedrich-Naumann-Stiftung zeigt, dass chinesische Open-Weight-Modelle wie DeepSeek oder Alibabas Qwen vergleichbare Benchmarks bieten, dabei jedoch bis zu 33-mal niedrigere API- und Token-Kosten verursachen als führende proprietäre Systeme aus den USA. In den Programmier- und Entwicklungsabteilungen hiesiger Betriebe führt dieser Kostenfaktor zu einer raschen Verschiebung der genutzten Basistechnologien. Programmierer binden die preiswerten chinesischen Architekturen direkt in ihre täglichen Arbeitsprozesse ein.
Auf der geschäftlichen Führungsebene dominieren dagegen weiterhin proprietäre Plattformen aus den Vereinigten Staaten. Dem FNF-Bericht zufolge führt ChatGPT die betriebliche Nutzung mit einer Verbreitung von rund 76 Prozent an, gefolgt von Microsoft Copilot mit 35 Prozent und Google Gemini mit 28 Prozent. Daraus resultiert eine zweigeteilte Nutzungswirklichkeit: Während das Management westliche Standardlizenzen bezahlt, senkt die technische Basis die Betriebskosten durch chinesische Alternativen. Die Stiftung warnt davor, dass dieser Kostendruck europäische Softwarehäuser schleichend in neue industrielle Abhängigkeiten treibt.
Diese Befunde treffen auf eine ohnehin bestehende Verwundbarkeit der deutschen Wirtschaft, wie eine repräsentative Umfrage des Digitalverbands Bitkom unter 602 Unternehmen ab 20 Beschäftigten belegt. Demnach geben 56 Prozent der befragten Firmen an, bei KI-Lösungen und dazugehörigen Dienstleistungen unmittelbar auf Importe aus dem Ausland angewiesen zu sein. Insgesamt stufen sogar 94 Prozent der Betriebe die deutsche Wirtschaft bei Basistechnologien als auslandsabhängig ein. Eigene europäische Alternativen spielen im Tagesgeschäft der meisten Firmen bisher kaum eine tragfähige Rolle.
Im Falle geopolitischer Spannungen oder Lieferstopps sind die operativen Reserven der Unternehmen denkbar gering. Laut der Bitkom-Erhebung schätzen die befragten Betriebe, dass sie einen totalen Ausfall digitaler Importe und Cloud-Infrastrukturen im Durchschnitt lediglich 16 Monate lang kompensieren könnten. Aufgeschlüsselt nach Regionen sehen 88 Prozent der Unternehmen die größte Abhängigkeit gegenüber China, vor allem bei Hardware und Komponenten, während bei Cloud-Diensten und Plattformen die Dominanz der USA im Vordergrund steht.
Branchenbeobachter werten das Zusammentreffen beider Entwicklungen als ernstes Warnsignal für die technologische Souveränität Europas. Der wirtschaftliche Reiz, Entwicklungskosten durch extrem günstige chinesische Modelle zu drosseln, ist für IT-Verantwortliche angesichts des Wettbewerbsdrucks nachvollziehbar. Die Verlagerung kritischer Software-Workflows in chinesische Ökosysteme birgt jedoch langfristige Risiken für Datensicherheit und Lieferketten. Ohne eigene leistungsfähige Modelle und bezahlbare Infrastrukturen bleibt die europäische Industrie zwischen den beiden technologischen Großmächten gefangen.

