In einem eindringlichen Schreiben an die Finanzminister und Zentralbankgouverneure der G20 hat das Financial Stability Board (FSB) vor den wachsenden systemischen Gefahren gewarnt, die vom Einsatz hochgradig autonomer Frontier-KI-Modelle im globalen Finanzsektor ausgehen. FSB-Vorsitzender Andrew Bailey, der zugleich als Gouverneur der Bank of England amtiert, betonte in der Mitteilung, dass die zunehmende Verflechtung von KI-Systemen mit Kernprozessen der Kapitalmärkte neue Verwundbarkeiten geschaffen hat.
Ein zentraler Gefahrenherd liegt laut dem FSB in der extremen Konzentration: Zahlreiche international tätige Finanzinstitute stützen sich bei ihren KI-Anwendungen auf dieselben wenigen Hyperscaler- und Cloud-Infrastrukturen. Sollte es bei einem dieser dominierenden Infrastrukturanbieter zu Ausfällen oder Modellfehlern kommen, drohen Schockwellen, die sich simultan durch das gesamte Finanzsystem fortpflanzen können. Diese gemeinsamen Abhängigkeiten schaffen neuartige Ansteckungskanäle, für die traditionelle Risikomodelle bisher unzureichend gerüstet sind.
Zusätzliche Besorgnis bereitet den Währungshütern die Dynamik an den Handelsplätzen. Durch den Einsatz autonomer, algorithmischer Handelsstrategien, die mit Hebeln operieren, können plötzliche Marktbewegungen in Sekundenschnelle verstärkt werden. Wenn multiple Marktteilnehmer auf ähnliche Modellarchitekturen und Signalmuster zurückgreifen, droht synchronisiertes Herdenverhalten, das die Marktliquidität in Stressphasen schlagartig austrocknen lassen kann.
Darüber hinaus hebt das FSB das Risiko beschleunigter und hochentwickelter Cyberangriffe hervor, die durch generative und autonome KI-Werkzeuge ermöglicht werden. Solche Angriffe zielen zunehmend nicht nur auf den Diebstahl von Daten ab, sondern können das Vertrauen in die Integrität von Transaktions- und Abrechnungssystemen nachhaltig erschüttern. Die Kombination aus operativer Fragilität und schnellen Ansteckungseffekten erfordert aus Sicht der Aufseher ein sofortiges regulatorisches Gegensteuern.
Die europäischen Aufsichtsbehörden haben bereits konkrete Konsequenzen gezogen: Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Finanzinstituten der Eurozone eine Frist bis zum 31. Oktober 2026 gesetzt. Bis zu diesem Stichtag müssen alle beaufsichtigten Institute umfassende Notfall- und Resilienzpläne vorlegen, die speziell auf KI-bedingte Betriebsstörungen und Ausfallszenarien zugeschnitten sind.

