Ökonomen der Europäischen Zentralbank sowie Marktstrategen der Bank of America haben deutliche Warnungen vor überhitzten Bewertungen im weltweiten KI-Sektor ausgesprochen. Die Veröffentlichungen verdeutlichen die wachsende Skepsis institutioneller Akteure gegenüber der Tragfähigkeit der aktuellen Marktrallye. Im Zentrum der Bedenken stehen die gewaltigen Investitionsausgaben der Technologiekonzerne, deren tatsächliche Rendite an den Kapitalmärkten zunehmend kritisch hinterfragt wird.
In einer fundierten Analyse mit dem Titel „The AI boom: rational enthusiasm or the next dot-com bubble?“ beleuchteten Ökonomen der EZB die Parallelen zwischen dem gegenwärtigen KI-Boom und historischen Spekulationsblasen. Die Experten weisen darauf hin, dass die Bewertungsmultiplikatoren an den US-amerikanischen und europäischen Aktienmärkten ein Niveau erreicht haben, das eine nahezu fehlerfreie operative Umsetzung aller KI-Versprechen voraussetzt. Sollten die erhofften Produktivitätsgewinne hinter den Erwartungen zurückbleiben, drohen empfindliche Neubewertungen im gesamten Technologiesektor.
Nahezu zeitgleich schlug Sebastian Raedler, Chefstratege für europäische Aktien bei der Bank of America, am 19. August 2026 ähnliche Töne an. Raedler warnte vor einer überoptimistischen Preissetzung im sogenannten AI Trade und bezifferte das Risiko einer Basiskorrektur an den Aktienmärkten auf 5 bis 10 Prozent. Viele Marktteilnehmer hätten die künftigen Ertragschancen von generativer KI zu aggressiv vorweggenommen, ohne bestehende Ausführungsrisiken angemessen einzupreisen.
Für den Fall eines breiteren wirtschaftlichen Abschwungs zeichnete Raedler ein noch deutlich pessimistischeres Bild. In einem ausgewachsenen Rezessionsszenario könnte der Bewertungsrückgang bei betroffenen Technologiewerten sogar 40 bis 50 Prozent erreichen. Ein wesentlicher Treiber für eine solche Korrektur wäre die strenge Überprüfung der gewaltigen Investitionsbudgets (CapEx), die Hyperscaler derzeit für Rechenzentren und Halbleiter aufwenden.
Die übereinstimmenden Warnungen von EZB und Bank of America markieren einen spürbaren Stimmungsumschwung an den Finanzmärkten. Während frühe Phasen des KI-Aufschwungs von uneingeschränktem Optimismus getrieben wurden, fordern Aufseher und Chefstrategen nun belastbare Belege für die wirtschaftliche Tragfähigkeit. Für institutionelle Investoren und Risikomanager rückt damit die disziplinierte Absicherung von Technologiepositionen wieder in den Vordergrund.

