Im Vorfeld des Digital-Gipfels der Bundesregierung warnt der Branchenverband Bitkom vor gravierenden Verwundbarkeiten der deutschen Wirtschaft durch externe Abhängigkeiten. Eine repräsentative Erhebung unter 602 Unternehmen ab 20 Beschäftigten zeichnet ein deutliches Bild der bestehenden Importabhängigkeiten bei Hardware, Cloud-Infrastrukturen und Künstlicher Intelligenz. Sollten digitale Schlüsselimporte abrupt stoppen, blieben deutsche Betriebe im Durchschnitt lediglich 16 Monate lang betriebsfähig. Dieser Wert stieg zwar im Vergleich zum Vorjahr leicht von 14 Monaten an, verdeutlicht jedoch weiterhin ein strukturelles Risiko für den Standort Deutschland.
Die tatsächliche Durchdringung internationaler Basistechnologien in deutschen Unternehmen ist nahezu lückenlos. Rund 96 Prozent der befragten Firmen gaben an, dass sie auf den Import digitaler Schlüsseltechnologien angewiesen sind, darunter moderne KI-Modelle, spezialisierte Halbleiter sowie skalierbare Rechenkapazitäten internationaler Hyperscaler. Folgerichtig stufen 94 Prozent der Betriebe ihre eigene Abhängigkeit von ausländischen Anbietern als kritisch ein. Ohne den stetigen Zustrom globaler IT-Ressourcen droht ein rascher Stillstand zentraler Geschäftsprozesse in Produktion, Logistik und Verwaltung.
Besonders markant ist die wachsende Skepsis gegenüber der Konzentration im Markt für Cloud- und KI-Plattformen. Laut der Erhebung äußern inzwischen 73 Prozent der Unternehmensleitungen konkrete Sorgen wegen ihrer starken Bindung an US-amerikanische Technologie- und Hyperscaler-Ökosysteme. Im Jahr 2024 lag dieser Anteil noch bei 38 Prozent, was einen dramatischen Vertrauens- und Risikowandel innerhalb von nur zwei Jahren belegt. Die Furcht vor geopolitischen Verwerfungen, regulatorischen Eingriffen oder Preissetzungsmächten einzelner Konzerne erreicht damit auch mittelständische Führungsetagen.
Aus diesen Befunden leiten die Wirtschaftsvertreter einen klaren politischen und strategischen Handlungsdruck ab. Satte 97 Prozent der befragten Vorstände und Geschäftsführer fordern drastische Investitionen in souveräne europäische KI- und Rechenzentrumskapazitäten. Diese Forderung fällt zeitlich mit den Vorbereitungen auf den Digital-Gipfel der Bundesregierung zusammen, der am 2. und 3. November in Berlin stattfindet. Unter dem offiziellen Motto 'Shaping AI: safe, sovereign, competitive' soll dort über die technologische Eigenständigkeit und Zukunftsfähigkeit der europäischen Wirtschaft debattiert werden.
Die Umfrageergebnisse unterstreichen eine fundamentale Diskrepanz zwischen strategischem Anspruch und operativer Realität im DACH-Raum. Während der Ruf nach europäischen Alternativen nahezu einhellig laut wird, basieren die derzeitigen Investitionswellen der deutschen Wirtschaft fast ausnahmslos auf US-Infrastruktur. Für viele Betriebe erweist sich der Aufbau rein europäischer Lösungen als schwierig, da lokale Alternativen in Leistungsfähigkeit und Modellvielfalt noch immer aufholen müssen. Der Erhalt der wirtschaftlichen Handlungsfähigkeit erfordert daher neben politischen Appellen vor allem praxistaugliche Migrationspfade und tragfähige Technologiepartnerschaften.

